Couchgespräche Kapitel 4

Feierabend

Die nächsten vier Wochen vergingen wie im Flug. Ich war gut ausgebucht und durfte wieder einige Seminare in tollen Unternehmen geben. Es macht schon riesig Spaß, wenn die Teilnehmer interessiert sind, sich selbst einbringen und am Ende das Feedback geben, dass sie viele Eindrücke und wertvolle Tipps für Ihren Alltag mitnehmen konnten. So erfüllend darf „Arbeit“ sein. Auf der Rückfahrt vom heutigen Seminar hielt ich direkt bei Belinda an, um Corinna abzuholen. Es war noch etwas Zeit, so dass ich noch im Shop stöbern und mir auch gleich meine Cremes im Laden kaufen konnte. Danach holte ich mir einen leckeren Latte Macchiato aus der Küche. Erfreulicherweise genoss ich das Privileg, mich bei Belinda frei bewegen zu dürfen. Das funktioniert natürlich nur, weil Corinna und ich in den vergangenen Jahren eine enge Freundschaft aufgebaut haben, in der gegenseitiger Respekt und vollstes Vertrauen eine Basis von unschätzbarem Wert bilden. Dadurch habe ich immer, wenn es passt, die Möglichkeit durch die alte Bettfedernfabrik zu schlendern. Ich liebe diese alten Gemäuer mit ihrem Flair und ihrer Geschichte. Irgendwie gibt es immer etwas zu entdecken in den ganzen Winkeln und Gängen. Was die wohl alles erzählen könnten… Naja, ich kann dafür zumindest sehr viel empfinden, wie jeder weiß, der mich kennt. Da neige ich auch zum Voyeurismus. Ich finde es total spannend, mir anzuschauen wie andere Menschen wohnen und arbeiten. Das finde ich sehr inspirierend. Außerdem ergibt sich bei Belinda oft noch die Gelegenheit gute Gespräche mit den Mitarbeitern zu führen. Klar kann ich dadurch auch mal etwas mit bekommen, was die Angestellten trotz allem Vertrauen und dem tollen Betriebsklima bei Belinda lieber mir – als letzten Endes doch Außenstehende – erzählen als ihren Kollegen oder Vorgesetzten. Sie wissen, dass ich mich auch bei diesen informellen Gesprächen an meine Schweigepflicht halte, bzw. bitten mich manchmal sogar, auf freundschaftlicher Basis ein Thema mit Corinna zu besprechen bzw. anzuregen. Die meisten kannten mich ja und wussten auch von unseren „Couchgesprächen“.

Angekommen

Gerade als ich meinen Kaffee ausgetrunken hatte, kam Corinna schon die imposante Treppe herunter. „Hallo meine Liebe! Schön Dich zu sehen.“, begrüßte mich Corinna freudestrahlend „Ich habe mich schon den ganzen Tag auf heute Abend gefreut. In meiner Mittagspause habe ich uns gleich noch ein paar Leckereien besorgt..“ „Uuii, das hört sich gut an! Ich habe mir vorab bei Euch schon mal einen leckeren Feierabend-Kaffee gegönnt… Also los, dann lass uns mal fahren.“ Wir machten uns auf den Weg. Zuhause angekommen, schenkte ich uns ein Glas Rotwein ein, richtete die leckeren Kleinigkeiten wie Meeresfrüchtesalat, Cous-Cous-Salat, diverse Käsesorten, Feigensenf, knuspriges Brot und Oliven an. Den Ofen hatte mein Mann schon für uns angemacht. „Der Theo hat mal wieder alles perfekt vorbereitet. Über unsere Männer können wir uns ja eigentlich nicht beschweren…“, griente Corinna, „die sorgen schon liebevoll für uns und packen überall mit an.“ Da kam Theo die Treppe herunter. „Hallo Corinna, grüß Dich! Schön, dass Du da bist. Hier schnuppert es ja gut.“ „Hallo Theo. Ja, wir haben schon mal vorbereitet, während Du Eure Jungs ins Bett gebracht hast. Ich habe auch gerade gesagt, wie super Du Deine Frau und mein Vincent mich unterstützt. Das ist in vielen Beziehungen garantiert nicht der Fall.“, begrüßten sich die Beiden. „Na, dann gehe ich noch mal schnell hoch und sage meinen beiden kleinen Männern „Gute Nacht! Setzt Euch doch schon mal hin. Ich bin in 10 Minuten wieder da.“ Meine beiden Jungs lagen schon im Bett und freuten sich, dass ich endlich da war. Sie redeten mal wieder durcheinander, weil mir jeder als erstes etwas ganz Wichtiges erzählen wollte. Ich kuschelte mich zwischen die Beiden, hörte Ihnen zu, fragte nach ihrem Tag, las dann noch ein kurzes Kapitel aus einem Buch vor und wünschte Ihnen eine „Gute Nacht!“. Am liebsten haben sie es immer noch, wenn ich einen Moment bei Ihnen bleibe, aber inzwischen verstehen sie (insbesondere mein Kleiner) auch, dass es mal anders geht, wenn z. B. Besuch da ist.

Das hätte der doch vorher wissen müssen!

Als ich wieder herunter kam, unterhielten sich Corinna und Theo über Thomas Weimann. Der hatte im Frühjahr bei einem Vorentscheid für das Europäische Gesangsfestival als Vertreter für Deutschland teilgenommen. Er wurde Sieger dieses Vorentscheids und hat dann aber den Titel abgelehnt und an die Zweitplatzierte abgegeben. Das hatte heftige Diskussionen und oft Unverständnis ausgelöst. Ich mischte mich gleich in das Gespräch der Beiden ein: „Ich habe damals einen Blog-Artikel von Steffen Kirchner gelesen, den fand ich echt toll. Wartet, ich zeige Euch den einmal.“

http://www.steffenkirchner.de/blog/die-andreas-kuemmert-lektion-mein-leben-gehoert-nur-mir/

„Ich gebe ehrlich zu – im ersten Moment habe ich auch gedacht, dann hätte er doch da gar nicht erst antreten sollen… Nur, wie Steffen Kirchner das auch schreibt, es kommen viele Emotionen, Wünsche usw. zusammen, die sich manchmal dann im Weg stehen. Insofern sollten wir respektieren, dass ein Mensch so eine populäre Entscheidung trifft.

Nein sagen!

Als ich den Blog gelesen habe, habe ich mich auch an zwei Situationen in meinem Leben erinnert, an denen ich für andere nicht oder zumindest sehr schwer nachvollziehbar einen Rückzieher gemacht habe. das eine Mal – erinnerst du dich Theo – wollten wir Silvester mit unseren Freunden in Hamburg feiern. Eigentlich hatte ich mich darauf gefreut. An dem Tag aber fühlte ich mich hundeelend. Ich stand vor meinem Kleiderschrank, wusste nicht, was ich anziehen sollte – wie Ihr wisst, fällt mir das sonst gar nicht schwer; ich überlege mir das meist vorher, ziehe mich an und gut ist es. Den Tag fühlte ich mich viel zu dick für alles, was ich anziehen wollte und überhaupt. Der Gedanke unter fröhlichen Menschen feiern zu ‚müssen’ löste in mir größtes Unbehagen aus. Ich wollte mich einfach nur verkriechen und allein sein. Soweit ich mich erinnere (komisch: was genau vorgefallen ist, fällt mir gar nicht mehr ein), hing das auch mit meiner damaligen Jobsituation zusammen. Ich empfand das gerade als anstrengend und unbefriedigend. Da das vor unserer Hochzeit war, muss das eher mit meiner damaligen Mitarbeiterin zusammengehangen haben. Na egal, was ich erzählen wollte, ist, dass ich durchaus erst geplant habe, nach Hamburg zu fahren, aber dann emotional zu dem Zeitpunkt nicht dazu in der Lage war. Mir war das so unangenehm, dass ich noch nicht mal bei unseren Freunden anrufen konnte. Von außen völlig irrational und unverständlich.“ „Haben das Eure Freunde denn verstanden?“, fragte Corinna. „Nee, nicht wirklich. Das hat unsere Freundschaft ganz schön auf die Probe gestellt. Meine Freundin konnte das auch überhaupt nicht verstehen. Sie war natürlich enttäuscht, ich denke das war so eine Art Vertrauensbruch für sie. Sie hätte erwartet, dass wir angerufen hätten. Sie ist aber auch sonst grundsätzlich sehr direkt. Wohingegen ich im Sinne der Harmonie, mich auch mal anpassen kann und mir einfach meinen Teil denke und den anderen so sein lasse wie er ist. Und dann vielleicht zu feige war, das deutlich zu kommunizieren, weil ich keine direkte Konfrontation haben wollte. Klar! Ich hätte mich wahrscheinlich gewundert und wäre im ersten Moment auch verärgert gewesen. In der Beurteilung anderer, gehen wir einfach erst einmal nur von uns selbst aus und haben eine große Erwartungshaltung anderen gegenüber. Manchmal sind wir dann ganz erstaunt, dass unser Gegenüber gar nicht so handelt, wie wir uns das denken oder wie wir selbst es tun würden. Dies zu akzeptieren fällt erst einmal schwer. Wir haben dann bestimmt ein halbes Jahr Funkstille gehabt. Weißt Du, mir ging es ja schon schlecht und ich hatte ein schlechtes Gewissen, da konnte ich zu dem Zeitpunkt die durchaus berechtigten Vorwürfe nicht ertragen. Ich konnte mir das selbst gar nicht erklären, denn wer sich bisher gar nicht oder nur wenig mit der Psychologie beschäftigt hat, kann das auch gar nicht verstehen oder nachvollziehen. Später habe ich das dann versucht zu erklären. Sie war verletzt. Wir sind schließlich Freunde. Wir gehen jetzt sicherlich vorsichtiger miteinander um, doch der Kern bleibt immer bestehen und das fühlt sich sehr gut an.“

Freundschaftsdienst – Lieber nicht!

Pause. „Was wollte ich noch erzählen? Ach ja. Die zweite Situation kommt dem Beispiel mit Thomas Weimann noch näher. Andere Freunde von uns, bzw. in der damaligen Konstellation – inzwischen haben sie sich getrennt – sind total die Doku-Spieler und wollten uns auch dazu animieren, damit wir dann ganz oft gemeinsam spielen können. Wo ich ja nun überhaupt das Gegenteil der Spieler-Natur bin… Aber ich sage ja auch immer, erst mal probieren, bevor ich endgültig eine Meinung dazu bilden kann. Also habe ich mir noch einmal die Regeln selbst angelesen und wir haben das ein oder andere Mal gespielt. Blutiger Anfänger gegen Profi. Der Profi hatte mich dann an einem Abend angeraunzt, weshalb ich denn das so und so gespielt hätte und ich hätte doch erst das und das spielen müssen…Da stiegen mir dann auch mal rasch die Tränen in die Augen. Ich wollte doch einen entspannten Abend haben. Für mich ging es hier darum, eine nette Zeit zu verbringen. Ich habe beim Spiel einfach nicht diesen Ehrgeiz. Ich habe einfach keine Lust dazu oder es auch nie gelernt, mir nach Feierabend noch Karten zu merken oder etwas ähnliches. Naja – Eklat war dann an einem Samstag. Einmal im Jahr veranstalteten sie ein Doku-Turnier und selbstverständlich sollten wir dabei sein. Ich habe auch zugesagt, obwohl meine Lust sich durchaus schon in Grenzen hielt. Allerdings wollte ich auch kein ‚Spielverderber’ sein. Innerlich habe ich gedacht, dass ich den Tag schon rumkriege, ich wollte dazu gehören und unseren Freunden eine Freude machen. Schön blöd. An dem Morgen bin ich schon mit der Vorstellung aufgewacht: Horror – das stehe ich nicht durch! Und mir war klar: Ich kann das nicht. Ich will das nicht. Ich schaffe das nicht. Und dann habe ich direkt an diesem Tag erst abgesagt. Dadurch war ein Spieler zu wenig und die Beiden natürlich maßlos enttäuscht.

Ent-Täuschung

Betrachte das Wortspiel: Ent-Täuschung heißt zunächst wörtlich, dass wir aus dem Gefühlszustand einer Täuschung herausgehen (ent- = weg von etwas). Einer Ent-Täuschung liegt also eine Täuschung zu Grunde. Wir haben uns in etwas getäuscht. (Quelle: Du bist, was Du sagst von Joachim Schaffer-Suchomel). Ich hatte also zunächst die positive Absicht dabei zu sein, zugehörig – an dem Tag direkt konnte ich dann nur noch wahrnehmen, dass ich das nicht ertragen konnte und es dann nur das Nein gab. Ich persönlich habe daraus schon gelernt, dass ich nicht erst herumdruckse und vielleicht sage. Inzwischen kommuniziere ich lieber gleich, dass ich dazu gerade keine Lust habe. Das ist aber auch ein Lernprozess, eine Veränderungsarbeit. Mit einem Fingerschnipps wird man kein anderer Mensch, sondern man darf dazu viel an sich arbeiten, wenn man sich verändern will. Das eigene Wollen oder Bedürfnis ist natürlich Voraussetzung. Solange mich das in meinem Leben nicht stört, verspüre ich auch nicht den Wunsch nach Veränderung. Ist ja kein Muss. Also abschließend zu diesem Thema: Auch ‚Nein’ sagen erfordert ungeheuren Mut. Dahinter steht für denjenigen seine positive Absicht für sich selbst und in erster Linie nur für sich selbst. Andere können nur die Größe beweisen, dies zu akzeptieren und vielleicht auch mal durch eine andere Brille zu betrachten.“ endete ich meinen Monolog. „So und damit beenden wir für heute den offiziellen Teil!“, meldete sich Theo zu Wort. „Wollte Vincent nicht auch noch kommen heute?“ „Ja, der müsste jeden Moment da sein. Ich habe jetzt auch Hunger!“, erwiderte Corinna. Just in diesem Moment klingelte es und Vincent kam. Wir ließen den Abend mit unseren Leckereien in der Vierer-Runde gemütlich ausklingen. Schon schön, dass sich auch unsere Männer verstehen und wir durchaus auch gemeinsam tolle Zeiten verbringen können.

Am 10.01.2016 erscheint Kapitel 5 der Couchgespräche.

 

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Sonnige Grüße

Deine Nicole

 

* Beitragsbild von Olaf Müller

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