Im Seerosenteich

Der Park umgab ein herrschaftliches Schloss in einer idyllischen Landschaft. Im Park blühten die prächtigsten Blumen in allen möglichen Farben. Direkt am Schloss war ein Seerosenteich. In dem blühten herrliche Seerosen, die auch noch im Mondlicht wie Sterne leuchteten.

Weiter hinten im Park, dort wo die großen Bäume wuchsen, lag im Schatten der Bäume noch ein kleiner dunkler Tümpel. Da lebten ganz viele niedliche Enten. Die eine junge Ente, es war wohl die älteste der einen Entenfamilie, paddelte oft traurig und frustriert in dem Tümpel herum.

An anderen Tagen spielte sie mit den andern jungen Enten, zeigte ihnen, wie sie am besten tauchen konnten, um an die leckeren Wasserflöhe zu kommen oder half beim Nestbau. Sie lernte gern etwas Neues. Den großen Entenwurde das manchmal etwas zu viel und wollten das eifrige Entlein gern in einen anderen Park bringen. Das kränkte die stolze junge Ente. Sie wollte doch nur wachsen. Aber nicht in einem entfernten Park.

Fortan schwamm sie jeden Tag durch den Tümpel, an die Stelle, von der aus sie den wunderschönen Seerosenteich sehen konnte. Sie stellte sich vor, wie schön es sein musste in diesem Teich zwischen den Seerosen zu paddeln, die Schmetterlinge zu beobachten oder gar mit den stolzen weißen Enten durch das Wasser zu gleiten. Sie stellte sich vor, wie sie gemeinsam strahlen würden.

Und dann schaute sie den Tümpel an, in dem sie bisher lebte. Sie fühlte sich dann plötzlich ganz klein, obwohl sie doch ein ganz stattliches Entlein war. Sie war sogar ein wenig größer als die andern jungen Enten. Auf jeden Fall glaubte die junge Ente, dass es ihr nicht erlaubt war, auch in dem sonnigen Seerosenteich zu baden.

Eines Nachts lag sie wach im seichten Ufergras. Vor Sehnsucht nach dem Seerosenteich konnte sie nicht schlafen. Sie sah die Seerosen im Teich glitzern. Plötzlich hörte sie ein Geräusch über sich. Eine Eule flatterte über sie hinweg und setzte sich auf einen Ast in der großen alten Eiche direkt über ihr.

Die Eule schaute zu der schlaflosen Ente und fragte: „Wieso bist Du wach? Ihr Enten schlaft doch sonst um diese Zeit?!“

„Ach“, erwiderte das hübsche braune Entlein, „ich würde so gern bei den weißen Enten im Seerosenteichschwimmen und nicht hier in dem ollen modrigen und dunklen Tümpel.“

„Ja und? Was hindert Dich denn daran?“

Das Entlein staunte. „Na – ich darf da doch gar nicht hin. Wir braunen Enten sind hier und die weißen eben da drüben im Seerosenteich.“

„Wer sagt denn, dass Du das nicht darfst?“, fragte die Eule und schloss kurz die Augen.

„Hmmm, keiner!“, sagte da die Ente. „Ist doch aber klar, weil da drüben ist ja keine braune Ente. Die weißen Enten würden mich doch gar nicht erst in den Teich lassen.“

„Hast Du sie schon einmal gefragt?“

„NÖ!“

„Dann geh’ doch hin und tu es!“

„Geht nicht, ich kann nicht fliegen!“

Die Eule schaute das Entlein an. „Na, die kurze Ecke wirst Du doch wohl wenigstens flattern können?“

„Nein, nein. Der Tümpel hier hat meine Federn verklebt. Meine Flügel kann ich daher gar nicht frei bewegen…“

„Na dann watschle halt. So weit ist es doch gar nicht!“

„Nein, nein!“, sagte die Ente wieder. „Dazu sind meine Beine zu kurz!“

„Aha!?“, staunte die Eule. „Hast Du es denn schon probiert?“

„Neee…“, schämte sich das Entlein.

Die Eule schloss wieder die Augen und schwieg eine ganze Weile. Als sie sie wieder öffnete, schaute sie zu der Ente, die sie erwartungsvoll beobachtete.

„Siehst Du den Vollmond?“, fragte die Eule schließlich die Ente. „Wenn es in einer Vollmond-Nacht regnet, soll dieser magische Kräfte haben, weißt Du. Allerdings nur, wenn Du selbst daran glaubst und etwas tust, was Du noch nie zuvor getan hast!“

Die hübsche Ente blinzelte ganz verwirrt und fragte, was das denn wäre.

„Das musst Du schon selbst herausfinden…“, sprach die Eule und breitete ihre weiten Schwingen aus und flog davon.

Die Ente sah ihr nach. Sie fühlte sich wie im Traum. Und dann spürte sie die ersten Regentropfen auf ihrem dunklen Gefieder. Als sie sich so ansah, wunderte die Ente sich über die weißen Flecken auf ihrem Flügel. Ohne weiter darüber nachzudenken, watschelte sie vorbei an den schlafenden Enten, in den Tümpel. Sie schwamm das erste Mal bei Nacht an die Uferstelle, von der aus man den Seerosenteich so gut sehen konnte. Wie von Zauberhand ging sie hier an Land. Der Regen war inzwischen stärker geworden. Die Ente schaute zum Mond und ließ die Tropfen auf sich niederprasseln. Sie schüttelte sich und schlug mit ihren Flügeln. Diese fühlten sich plötzlich ganz leicht an. Die Ente war verwirrt. Doch dann sah sie die braunen Klümpchen. Das war der Moder von dem schattigen Tümpel. Sie schaute sich an. Sie war gar nicht braun. Sie war weiß. Sie plusterte sich auf, watschelte über den Weg zum Seerosenteich und schlief dort am Ufer erschöpft ein.

Als das Entlein am nächsten Morgen erwachte, strahlte die Sonne. Sie fühlte sich plötzlich fast geblendet von ihrem weißen Gefieder. Und das gab ihr Kraft und Mut. Sie ließ sich ins Wasser vom Seerosenteich gleiten. Wie warm das Wasser an der Oberfläche war.

Da kamen die weißen Enten, die sie schon so oft beobachtet hatte.

„Guten Morgen, hübscher Schwan, herzlich willkommen! Wir haben schon auf Dich gewartet!“

Das jetzt weiße Entlein stutzte. „Schwan? Wieso Schwan?“ Die anderen lachten freundlich. Na, weil wir Schwäne sind. Wir haben schon gesehen, dass Du in dem Tümpel ganz braun geworden bist. Wir haben schon gewartet, dass Du kommst. Wir haben sehr wohl gesehen, was Du schon alles gemacht hast. Egal! Schön, dass Du da bist!“

Die junge Schwänin strahlte.

„Komm mit, wir haben hier auch viel zu tun und Di bist genau die Richtige dafür.“

Gemeinsam mit den anderen Schwänen schwamm sie stolz durch den Seerosenteich. Mit jeder Aufgabe wuchs sie und erfreute sich an der und Energie.

Abends saß sie nun erfüllt von den neuen Eindrücken am Ufer des Seerosenteichs. Sie war so froh, dass sie sich diesen Weg vom Tümpel in den Teich zugetraut und erlaubt hatte und sich nun das Leben im Seerosenteich gönnte.

Zufrieden blickte sie auf die strahlenden Blüten im Wasser.

 

Informationen zu dieser Metapher:

Meine Klientin hatte ihren Job gekündigt und eine Stelle entdeckt, auf die sie sich gern bewerben wollte. Blöderweise konnte sie einfach keinen Anfang finden, haderte mit sich selbst. Ich schrieb mit diesen und noch einigen weiteren Infos diese Metapher für sie.

3 Tage später verließ die Bewerbung ihr E-Mail-Postfach.

Leave A Response

* Denotes Required Field